Berliner Morgenpost: „Das Ultimatum läuft ab“

Dienstag, 4. Januar 2011 02:08 – Von Markus Falkner und Andreas Gandzior:
S-Bahnhof Spandau, Montagmorgen: Rot-weißes Flatterband versperrt die Treppen zum Bahnsteig. Fahrgäste werden gebeten, mit der U 7 Richtung Rudow bis zum U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße zu fahren und dort die Fahrt mit der S-Bahn vom Bahnhof Charlottenburg fortzusetzen. Seit einem Tag ist der Bezirk vom S-Bahn-Netz abgehängt – ebenso wie Hennigsdorf, Strausberg Nord und Wartenberg. Nur noch ein Drittel der Zugflotte ist unterwegs. Wieder einmal gilt ein verschärfter „Not-Notfahrplan“. Tausende sind an diesem Morgen unterwegs, am ersten Arbeits- und Schultag des neuen Jahres. Trotzdem bleibt der befürchtete Kollaps des Nahverkehrs aus. Die Berliner haben nach zwei Jahren S-Bahn-Krise gelernt, sich zwischen Ausfällen, Verspätungen und Kurzzügen zu organisieren. Dass zum Jahreswechsel, mitten im dritten Winterdesaster der S-Bahn in Folge, nun aber auch noch die Preise im Nahverkehr gestiegen sind, macht einige dann doch fassungslos.

„Alles im A…, aber erhöhen können sie die Preise bei der S-Bahn“, sagt Rentnerin Gertrud Schultz. Nicht mehr ganz so gut zu Fuß, verlässt sie das Bahnhofsgebäude und läuft zur U-Bahn.

Am Mittwochabend läuft ein Ultimatum der Berliner Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) aus. Bis dahin muss der Konzern erklären, wie er die massiven Probleme bei seinem Tochterunternehmen S-Bahn Berlin GmbH lösen will. Junge-Reyer erwartet nach eigenen Aussagen ein schlüssiges Konzept – nicht nur gegen das aktuelle Winterchaos. Die Forderungen der Senatorin erläuterte ihr Sprecher Mathias Gille: Das Land erwarte von der Deutschen Bahn eine „zeitnahe und aktuelle Information der Fahrgäste“, die schnellstmögliche Behebung der aktuellen Mängel, die dauerhafte Sicherung des Verkehrs sowie weiteren Schadenersatz für die Kunden.

Nach Angaben der S-Bahn ist der Verkehr am Montagmorgen besser als geplant angelaufen. Auf einigen Streckenabschnitten seien sogar zusätzliche Verstärkerzüge eingesetzt worden – so zwischen Zehlendorf und Potsdamer Platz (S 1), Friedrichshagen und Ostbahnhof (S 3), Hoppegarten und Charlottenburg (S 5). Auch konnten die Linien S 46 (bis Westkreuz) und S 47 (bis Südkreuz) wieder verlängert werden. Trotzdem sei die Situation „nicht befriedigend“, sagt ein Bahn-Sprecher am Mittag. Die Züge seien sehr voll gewesen. „Das Chaos ist aber ausgeblieben, auch von einem Kollaps kann keine Rede sein.“
Umsteigen auf den Regionalverkehr

Volle Züge – das gilt nicht nur für die S-Bahn. Auch im Regionalverkehr, der auf mehreren Strecken als Ersatz für den eingestellten S-Bahn-Betrieb herhalten muss, sind Sitzplätze am Montagmorgen Mangelware. Den Fahrgästen bleibt keine Alternative. „Ich bin heute mit dem Regionalzug aus Potsdam gekommen, bin aber gleich durchgefahren bis nach Charlottenburg“, sagt Franziska Mattner. „In Charlottenburg bin ich in die Regionalbahn nach Spandau gestiegen.“ Wenn alles nach Plan fährt, nutzt die junge Frau die S-Bahn von Potsdam nach Westkreuz und von dort nach Spandau.

Auch Markus Lütje ist an diesem Morgen auf die Regionalbahn angewiesen. „Ich habe Kundengespräche und muss pünktlich sein“, sagt er. „Jetzt werde ich mal sehen, wie ich von Spandau zum Alexanderplatz in mein Büro komme.“ Auch andere Fahrgäste berichten von überfüllten Abteilen in den Regionalbahnen. „Der Zug war in Potsdam schon voll, und am Bahnhof Wannsee kam noch ein großer Schwung zusätzlicher Fahrgäste“, berichtet ein Bahn-Kunde.

Aussicht auf baldige Besserung gibt es kaum. Zum Wochenstart sind zwar mehr als 200 Viertelzüge im Einsatz, für den Normalbetrieb wären aber mehr als 550 nötig. Selbst die Bahn spricht am Morgen von einem „Not-Notfahrplan“. Aus Sicht der Opposition im Abgeordnetenhaus trägt der rot-rote Senat eine Mitschuld an der Situation. Die Berliner Grünen um Fraktionschefin Ramona Pop und Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling fordern, den laufenden Verkehrsvertrag mit der Deutschen Bahn zu kündigen und eine Neuausschreibung vorzubereiten. Außerdem müsse der Senat die Beschaffung neuer Züge in Angriff nehmen.
Rücktritt der Senatorin gefordert

„Die neuerliche Ausdünnung des Fahrplans der S-Bahn Berlin GmbH ist der endgültige Beweis für die Unfähigkeit des Unternehmens und dessen Mutter, der Deutschen Bahn AG, die vereinbarten Verkehrsleistungen wenigstens annähernd vertragskonform erbringen zu können“, sagt CDU-Verkehrsexperte Oliver Friederici. „Der Senat muss jetzt erklären, wie er als Vertragspartner der Bahn seine Aufgaben gegenüber den Kunden des öffentlichen Nahverkehrs noch wahrnehmen will.“ Geklärt werden müsse etwa, ob und wie schnell neue Züge beschafft werden können.

FDP-Fraktionschef Christoph Meyer und sein Verkehrsexperte Klaus-Peter von Lüdeke sprechen von einem „Totalversagen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und seiner hoffnungslos überforderten Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer“. Die FDP fordert den Rücktritt der Senatorin. Außerdem müsse der Senat unverzüglich die Ausschreibung des S-Bahn-Betriebs vorbereiten.

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