Berliner Zeitung: Grün überholt Rot

Artikel vom 31.08.2010 von Regine Zylka
Die Grünen platzen fast vor Freude, auch wenn sie das offiziell nie zugeben würden. Man bewertet keine Umfrageergebnisse, das hat sich in allen Parteien so eingebürgert. Was intern zu hören ist, klingt dafür umso euphorischer. „Cool“, jubelte am Montag einer aus der Führungsriege der Berliner Grünen, als er von der neuen Forsa-Erhebung im Auftrag der Berliner Zeitung erfuhr. Wenn am nächsten Sonntag Abgeordnetenhauswahl wäre, kämen die Grünen zwar unverändert auf 27 Prozent. Die SPD hat im Vergleich zum Juli jedoch einen Punkt verloren und erhielte nur 26 Prozent der Wählerstimmen. Ein gutes Jahr vor der Abgeordnetenhauswahl liegen die Grünen also erstmals vor den regierenden Sozialdemokraten – eine Entwicklung, die Forsa-Chef Manfred Güllner wenig überraschend findet. „Wir haben das erwartet, auch weil die anderen Oppositionsparteien ihre Schwäche nicht überwinden können“, sagte Güllner. Die CDU kommt unverändert auf magere 17 Prozent, und die FDP verpasst mit vier Prozent erneut den Einzug ins Parlament. Die Linkspartei konnte sich um einen Punkt auf 16 Prozent verbessern.

Ein weiterer Grund für die momentane Stärke der Grünen ist nach den Worten von Güllner der Unmut über die rot-roten Regierungsparteien. Nur 33 Prozent der 1001 von Forsa befragten Berliner sind mit der Arbeit der SPD zufrieden, 61 Prozent sind es hingegen weniger oder gar nicht. Bei der Linken fällt das Urteil noch schlechter aus. Hier sind nur 24 Prozent zufrieden. Sogar 62 Prozent der eigenen Anhänger sind mit der Arbeit der Linkspartei unzufrieden.

Trotz dieser Werte traut die Mehrheit der Berliner der SPD offenbar zu, dass sie die Wahl in einem Jahr gewinnt und Klaus Wowereit erneut Regierender Bürgermeister wird. Auf die Frage, ob die SPD im Herbst 2011 wieder stärkste Kraft werden kann, sagten 54 Prozent der Befragten „Ja“. Nur 18 Prozent trauen dies den Grünen zu. Selbst die Grünen-Anhänger scheinen in diesem Punkt skeptisch zu sein. Nur 19 Prozent sahen in der Umfrage die Grünen vorn, 59 Prozent hingegen die SPD.

Ein ähnlich differenziertes Bild ergibt sich in Bezug auf Wowereit. Die Mehrheit der Berliner (53 Prozent) fände es gut, wenn er Regierender Bürgermeister bliebe. 43 Prozent der Befragten fänden es hingegen nicht gut. Zustimmung erfährt Wowereit vor allem im Ostteil der Stadt. Hier hätten 59 Prozent der Befragten nichts gegen eine weitere Amtszeit Wowereits einzuwenden, nur 35 Prozent wären dagegen.

Noch deutlicher wird die unterschiedliche Stimmung in Ost und West, wenn die Berliner sich direkt zwischen Wowereit und der möglichen Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast entscheiden könnten. Während im Ostteil der Stadt 48 (Juli: 46) Prozent für Wowereit und 36 Prozent (plus eins) für Künast wären, ist es in West-Berlin umgekehrt. Hier würden 44 Prozent für Künast und 35 Prozent für Wowereit stimmen, wobei der Regierende sich im Westen um vier Punkte verbessern konnte. In ganz Berlin legte er drei Punkte zu. Wowereit und Künast kommen in der Direktwahlfrage nun beide auf 40 Prozent. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass Künast ihre Kandidatur bislang nicht erklärt und Forsa nach möglichen Kandidaten anderer Parteien nicht gefragt hat.

Wowereit konnte auch auf der Skala der beliebtesten Politiker einen Rang aufholen, was aber ausschließlich auf den Absturz von Ulrich Nußbaum zurückzuführen ist. Der Finanzsenator wurde von den Berlinern um 0,3 Punkte schlechter bewertet als im Juli und fiel vom zweiten auf den siebten Platz. Forsa-Chef Güllner hatte dafür am Montag eine Erklärung: „Der Bonus, den parteilose Politiker häufig in der Bevölkerung haben, scheint sich langsam aufzubrauchen“, sagte er.

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