Spiegel Online: „Wie die Berliner S-Bahn um jeden Wagen kämpft“

03.01.2011. Von Florian Gathmann:
Berlin will Weltstadt sein – aber im Schienennahverkehr ist man nicht einmal Kreisklasse: Weil viele Züge an Eis und Schnee scheitern, hat die S-Bahn nun komplette Bezirke abgekoppelt. Bürgermeister Wowereit spricht von einem „Debakel“. Dabei hat er das Chaos mit zu verantworten.

Berlin – Kommt sie oder kommt sie nicht? Diese Frage muss sich mancher Berliner nicht mehr stellen, wenn er am Bahnsteig auf den Zug wartet. Nein, nicht weil die S-Bahnen endlich wieder pünktlich vorfahren – sondern weil sie in einigen Stadtteilen überhaupt nicht mehr verkehren. So sind beispielsweise Spandau im Westen oder Hennigsdorf im Norden komplett von der S-Bahn abgehängt.

Die S-Bahn reagiert damit auf die Erkenntnis, dass sie immer weniger funktionsfähige Züge zur Verfügung hat, um das Berliner Schienennetz zu bedienen. Um ein noch größeres Chaos im gesamten Stadtgebiet zu verhindern, hat man nun schlicht das Netz verkleinert.

Das folgt einer gewissen Logik – zeigt aber ebenso die verzweifelte Lage der Berliner S-Bahn, einem Tochter-Unternehmen der Bahn AG. „Was wollen Sie machen?“ ist ein Satz, den man im Gespräch mit Mitarbeitern dieser Tage häufig hört. Schließlich macht die S-Bahn in der Hauptstadt nicht zum ersten Mal mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam: Seit anderthalb Jahren steckt sie in der Fahrplan-Krise, bereits im vergangenen Winter kam es wetterbedingt zum Chaos.

Am Montag waren nur noch 213 sogenannte Viertelzüge (Doppelwagen) auf den Schienen unterwegs, in den kommenden Tagen soll dann sogar auf 200 reduziert werden. Von „immensen Problemen“ spricht ein S-Bahn-Sprecher. Zum Vergleich: Knapp dreimal so viele braucht die Berliner S-Bahn nach eigenen Angaben zur Beförderung von rund 1,3 Millionen Fahrgästen an normalen Werktagen. Nach dem Notfahrplan der S-Bahn von vor Weihnachten waren immerhin noch 434 Viertelzüge unterwegs gewesen.

Die Entscheidung, komplette Stadtbezirke vom Netz zu nehmen, ist einmalig in einer deutschen Großstadt. Und während in Berlin selbst im reduzierten Super-Notfahrplan der S-Bahn kaum noch etwas geht, läuft andernorts trotz Eis und Schnee der S-Bahn-Verkehr weitgehend reibungslos. So hat die Bahntochter in München zwar generell mit mehr Schnee zu kämpfen, verfügt über ein längeres Streckennetz und weniger Beschäftigte – hat aber einen Vorteil: In der bayerischen Landeshauptstadt fahren moderne Züge, die offenbar nicht witterungsanfällig sind.

Außerdem werden alle Weichen in München beheizt. Das gilt auch für Hamburg, wo die S-Bahn-Fahrer sich bisher in diesem Winter ebenfalls auf ein relativ stabiles Netz verlassen konnten. Es habe nur wenige Weichen- und einige Fahrzeugstörungen gegeben, teilte die Deutsche Bahn für ihre Regionaltochter mit.

Bahn-Sprecher: „Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen“

Die Probleme in der Bundeshauptstadt haben offenbar vor allem technische Gründe: Rund 90 Prozent der Berliner S-Bahn-Züge stammen aus der Baureihe 481 des Herstellers Bombardier, die einem Sprecher zufolge besonders witterungsanfällig sind. Man habe bereits „zusätzliche Werkstattkapazitäten“ aufgetan, sagt er, die Techniker seien im Dauereinsatz. „Aber es ist wie ein Kampf gegen Windmühlen.“

Und warum besorgt die S-Bahn keine Züge von außerhalb? Das wiederum macht der „Inselbetrieb“ im Berliner Netz unmöglich: Im vergangenen Jahrhundert wurde hier ein technisches System aufgebaut, das mit den Zügen anderer Großstädte nicht kompatibel ist. Stattdessen bemüht sich die S-Bahn, ihre ausgefallenen Verbindungen mit normalen Nahverkehrszügen der Bahn-Mutter oder von Bahn-Unternehmen aus dem Berliner Umland auszugleichen.

Das kostet natürlich. Noch mehr würde allerdings der Kauf von zusätzlichen Zügen ins Geld gehen. Und weil der 2004 geschlossene Vertrag mit dem Land Berlin nur bis 2017 läuft, ist die S-Bahn hier erst recht zögerlich. Zumal sich die Bahn AG großzügig bei der Tochter bedient, nach ihrer mittelfristigen Finanzplanung für 2010 wollte sie im abgelaufenen Jahr rund 125 Millionen Euro abziehen.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit will diese Argumente nicht gelten lassen, aus dem Urlaub ließ der SPD-Politiker am Sonntag mitteilen: „Die Kunden haben ein Anrecht auf Lieferung der mit dem Fahrschein erworbenen Leistung.“ Könne die S-Bahn diese nicht erbringen, seien finanzielle Ausgleichszahlungen „zwingend geboten“. Wowereit spricht von einem „Debakel“, dem er sich nach seiner Büro-Rückkehr am Donnerstag höchstpersönlich annehmen will.

Grüne kritisieren Vertrag mit der S-Bahn

Für die Opposition ein Lacher – „wenn es nicht so ernst wäre“, sagt die Grünen-Politikerin Ramona Pop. Die Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus gilt als enge Vertraute von Spitzenkandidatin Renate Künast, die sich bisher nicht zum aktuellen Schienen-Chaos geäußert hat. Wowereit habe die S-Bahn schon mehrfach zur Chef-Sache erklärt, sagt Pop, „geändert hat sich nichts“. Die Grünen glauben, dass sich Wowereit und sein rot-roter Senat von dem Unternehmen über den Tisch haben ziehen lassen. Pop spricht von einem „grottenschlechten Vertrag“. Er sichert der S-Bahn jährlich Senats-Zuschüsse von 230 Millionen Euro zu – die magere Gegenleistung ist bekannt.

Das war auch Wowereit und seiner Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer aufgefallen, schon vor dem neuerlichen Winterchaos im Dezember, mehrfach wurden deshalb Zuschüsse eingefroren. Wowereit drohte irgendwann sogar mit der Kündigung des Vertrags. „Aber das hätte er dann auch tun müssen“, sagt Grünen-Politikerin Pop. Wowereits Forderung nach Rückerstattung sei schlicht „bigott“, da der Senat erst vor kurzem einer generellen Ticketpreiserhöhung zugestimmt habe. Die FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus forderte, der Senat müsse „die dreiste und inakzeptable Tariferhöhung“ zum 1. Januar mit sofortiger Wirkung wieder zurücknehmen.

Für Wowereit ist es kein schöner Start ins Wahlkampfjahr. Zumal seine grüne Kontrahentin bei der Abgeordnetenhauswahl im Herbst, die zuletzt mit einigen unglücklichen landespolitischen Äußerungen aneckte, sich den Bürgermeister in Sachen S-Bahn demnächst persönlich vornehmen dürfte. Und Renate Künast weiß: So schnell wird Wowereit das Problem nicht los.

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